Effi Mora

April

23.04.2016

Und? Habt ihr alle schon eure «innere Göttin» gefunden? Mir fallen spontan drei Knaben ein, die reinen Gewissens mit «ja» antworten könnten. Das sind dann auch die, von denen man öfter Sätze hört, wie: «Wahrscheinlich sollte ich egozentrischer werden, dann hätte ich es ein bisschen leichter und würde mir nicht alles so zu Herzen nehmen.» «Aber um Himmels Willen!» — möchte man da ausrufen. «Aber nicht doch!» — will man da entsetzt aufschreien. «Bitte nicht noch egozentrischer werden!» — würde man ihnen am liebsten flehend entgegen schluchzen. Es ist wirklich seltsam, aber häufig denken gerade die Menschen, deren Entwicklung irgendwo in der Phase «Jedes-Kaka-das-ich-mache-findet-Mutti-gut» eingefroren ist, dass sie nicht genug an sich selbst denken, dass sie sich sogar, ähm, aufopfern für irgendwelche undankbaren Anderen. Jeder Wunsch, der in ihrer kostbaren Gefühlswelt entsteht und irgendeinen Anderen einbezieht, hat sofort! Aber sofort! in Erfüllung zu gehen. Jedes Bild, bei dem irgendein Anderer vorkommt, ist in ihren eigenen Augen so stimmig und wertvoll, dass es eine Verschwendung wäre, diesen sich sträubenden und auf seiner Selbstigkeit bestehenden Anderen ausreden zu lassen. «Ich will doch nur das Beste! Meine Güte, warum bist du nur so dumm, nun lass dich doch einfach übers Knie brechen mich aufopfernd und endlos gut sein und jammere nicht rum!». Und nein, bei mir sieht’s nicht besser aus. Beschissenere Grenzen als meine hat, glaub ich, nur Britney Spears im Jahr 2007 gehabt. Und die «innere Göttin» suche ich gar nicht erst, weil ich ahne, wer da zum Vorschein kommt: eine bärtige Frau aus einem Zirkus der 20-er Jahre und ein hässlicher Junge mit einem laaaaangen grünen Abseiler aus der Nase.
Wie dem auch sei, dieser April hat’s in sich (und zwar herrlich parasitäre Vokabeln, die fast gar nichts ausdrucken, sondern die Lücken im Text mit phonetischer Watte stopfen). Es heißt ja immer, Frühling wäre ein guter Zeitpunkt, um sich zu verlieben, weil alles erwacht, blüht, sprießt, grünt, auftaut, wächst und gedeiht, die hormonelle Suppe kocht, die Symptome verschlimmern sich, die Stalker werden aktiver, man sitzt öfter mit einer Gabel in der Hand vor der Tür und wartet auf die Polizei, die Tage werden länger, die Vögel kehren zurück. So viele wirklich verliebte Menschen ringsum sehe ich aber gar nicht. Die meisten sind mit sich beschäftigt und können es sich gar nicht leisten. Psychotherapie ist das neue Verliebtsein. Gilt allerdings nur für unsere Spezies. Hunde sind da altmodischer. Meiner, zum Beispiel, hat sich in Etwas verliebt, was offenbar ein strammer deutscher Schäferhund werden wollte, doch leider haben sich die Ohren der Lütten während ihrer Pubertät nicht aufgestellt und bilden nun eine kerzengerade Waagerechte zum Boden, außerdem schielt diese Braut ein wenig, was ihr einen richtig hübschen, klassisch-shakespeareschen Ophelia-Touch verpasst. Hündinnen, die weder krumm noch schief sind, haben meinen Monsieur Fuchsgesicht noch nie interessiert. Alle seine Musen waren bis jetzt entweder 100 Jahre alt oder auf irgendeine Weise asymmetrisch und gebrechlich.
Spaß beiseite. Ich finde diesen April zu krass, um keine blöden Witze zu machen. (Es gibt ja diese gruselig-lustigen Clowns, die sogar mit fünf Messern im Rücken noch versuchen, Witze zu machen und sich selbst mit der Straßenbahn zur Notaufnahme transportieren, natürlich nicht ohne vorher einen Kaffee to go geholt zu haben, den sie aber leider nicht trinken können, weil er, huch, so was blödes, durch die Löcher im Rücken wieder raus läuft.) Wenn ich so überlege, was meine ersten fünf Gedanken jeden Morgen sind, weiß ich, um ehrlich zu sein, selber nicht, in welche Richtung dieser Zug fährt:
1. Leck. Mich. Am. Arsch.
2. Ernsthaft? Ist das Schnee draußen? Ist das wirklich Schnee?
3. Dann werden die Beine erst recht nicht rasieret. Sieht man ja nicht unter der Skihose.
4. Die Salbe hat also nicht geholfen. Unsere betagte, schuppige Echse Brunnhilda Ivanovna Bombenschreck ist immer noch da und wartet schon im Spiegel.
5. Irgendwie muss doch dieser Kasten am Balkon zu befestigen sein, mit dem sich mein Hund jeden Morgen selbst in den Hof befördern könnte…Und wenn ich meinen Nachbar aus dem Erdgeschoss bitte, sich einfach nur hinzustellen und zuzugucken? Weil ohne Zeugen geht der Hund nun mal nicht aufs Klo. Warum eigentlich nicht?

Und wenn ich manchmal auf der Zeckenwiese rumliege und melancholisch vor mich hin ins Gras beiße, merke ich, wie sich die normalen, erwachsenen Texte paarweise anstellen und sogar ein bisschen drängeln, weil sie endlich strukturiert und rausgetippt werden wollen, weil es doch so nicht weiter gehen kann und ganz besonders, weil es doch endlich irgendwie anders werden soll.

Määääääääääääääääääääääääääääääääh

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