Effi Mora

Das Geräusch eines platzenden Kragens

20.11.2015

Ich glaube, es war vor fünf Jahren oder so, da sagte zum ersten Mal einer von diesen entzündeten Laptop-Kriegern zu mir, ich soll mich mehr für die Dinge interessieren, die in der Welt passieren. Nach dem Motto «Hier herrscht Krieg und du hast zu diesem Thema noch keinen einzigen hysterischen Link gepostet». Werde ich auch in Zukunft nicht tun. Ich fühle mich nicht kompetent genug dafür und frage mich, wie es dazu kommt, dass ihr euch kompetent fühlt. Es gibt in sozialen Netzwerken einige Menschen, deren Aktivität darauf ausgerichtet ist, zu informieren, zu reflektieren, zu analysieren und somit ein wenig das Chaos frei zu schaufeln. Bei diesen Menschen habe ich komischerweise nicht das Bedürfnis, ein Fellknäuel nach dem anderen auf die Tastatur zu würgen, sondern lese ihre Posts tatsächlich, um ein bisschen weniger dumm zu sein. Was an diesen Menschen anders ist? Sie sind fähig, zu all diesen aktuellen, wichtigen Themen den einen oder anderen eigenen Gedanken zu formulieren. Was hingegen jeden entzündeten Laptop-Krieger auszeichnet ist der wunde Zeigefinger der rechten Hand, der ständig im Einsatz ist und zwischen seiner Position in der Luft und dem zwanghaften Teilen aller möglichen Artikel, ungeachtet der Quellen, wahrscheinlich nur ein Paar Sekunden zum Entkrampfen hat. Das sind Weltretter. Zweifelsohne. Sie könnten einem Kaktus an die Gurgel gehen, so wütend macht sie die dumme, egoistische, unfaire Menschheit. Betroffene sind oft sehr junge oder sehr «jung gebliebene» Menschen und je jünger sie sind, desto größer ist ihr Drang, mit der Umwelt ausschließlich mit Hilfe der Imperative und Ausrufezeichen zu kommunizieren: «Nun wacht doch endlich auf!!!1!», «Nun macht doch mal endlich!!!!1!!», «Raus auf die Strasse!!!1!!!». Die Sache mit den Imperativen ist wirklich schwierig. Schon klar, da sind starke Emotionen im Spiel, aber wer lässt sich denn schon gern Befehle ins Ohr brüllen? Im Gegenteil, ein des Denkens fähiger Mensch ertappt sich unweigerlich dabei, die Autorität des Users XY sofort zu hinterfragen. Wer ist denn dieser laute Mensch, der seine Affekte so schlecht im Griff hat? Wie glaubwürdig kann Jemand sein, der fremdes Gedankengut weiter verbreitet, aber mit einer derart passionierten Haltung, dass man kilometerweit spüren kann, wie aufgebracht und zittrig er ist? Na ja, als ob das der einzige unglaubwürdige Punkt wäre…

Was mich persönlich daran hindert, sie ernst zu nehmen, ist zum Beispiel ihre ewige Opferrolle. Bei ihnen ist eben immer irgendjemand/irgendetwas schuld. Ach, wenn die Menschheit nur anders wäre, ach wenn wir nur mehr aufeinander zugehen würden, ach wenn diese Jugendlichen weniger auf ihre Handys glotzen würden, ach wenn die Gesellschaft…ach wenn die anderen nur…! Die blöden anderen! Wie können die bloß?! Auf den ersten Blick glaubt man sogar, einen sensiblen Menschen vor sich zu haben, der schwer darunter leidet, dass die Welt so ist wie sie ist. Beim näheren Betrachten wird klar: nur ein weiteres «Waisenkind» auf der Suche nach seiner Mammi, auf deren Schultern er endlich die Verantwortung für alles abwälzen könnte.

Ein entzündeter Laptop-Krieger lebt im Reich seiner eigenen Illusionen. «Ich informiere! Das ist meine Aufgabe! Weil ich engagiert und interessiert und kein bisschen abgestumpft und gleichgültig bin! Im Vergleich zu euch, ihr ignoranten Menschlein!». Ist es nicht ein wenig…ähm…narzisstisch? Um nicht zu sagen eine maßlose Selbstüberschätzung? Wäre die Menschheit so viel dümmer, wenn du dir mal keinen Napoleon-Hut aufsetzen würdest? Im Ernst, die meisten von diesen Warriors sind von Anfang an in sämtlichen sozialen Netzwerken dabei, das sind echt viele Jahre. Viele Jahre des «Sich-Aufregens-Über-die-doofe-Gesellschaft», viele Jahre des nervigen Belehrens und des erhobenen Zeigefingers. Was hat sich konkret verbessert? Na aber rein gar nichts. Das ohnehin schon recht wuchtige digitale Chaos wurde mit noch mehr Informationsmüll gefüttert.
Das alles könnte mir egal sein, weil Jeder nun mal irgendwie sublimieren muss. Und wenn sie nicht andauernd versuchen würden, meine Grenzen zu sprengen, indem sie meine vermeintlich uninteressierte Attitude reklamieren, würde ich wahrscheinlich auch nicht in Versuchung kommen, ihnen einen wirklich gut gemeinten Rat zu geben: Findet etwas, was ihr wirklich gut könnt und lenkt eure Weltretter-Allüren dorthin. Gerade in solchen Zeiten, wie die, in denen wir leben, muss man einfach seine Sache gut machen. Damit ist der Gesellschaft mehr geholfen.

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