Effi Mora

Die Sache mit dem Heulen

11.08.2015

Dieses eine Mal, da hat sie mir beim «Hässlichen Heulen» zugesehen. Ich hatte vorher nie vor jemanden «hässlich geheult» und werde es zukünftig auch nicht tun. Nur dieses eine Mal. Ich weiss, dass es ein schrecklicher Anblick ist. Es gibt sicherlich Menschen, die schön weinen können, elegant oder niedlich, vielleicht ein bisschen wie in einem Film, wenn die Kamera plötzlich die perfekt geschnitzte Nase der Hauptdarstellerin aus der violetten Dunkelheit greift und dann blitzt es kurz auf und der Zuschauer versteht — die Elfe weint. So sieht es bei mir nicht aus. Bei mir sieht es aus wie eine zerquetschte Tomate, wie eine aufgequollene Alkoholikerin, die sich immer in der Nähe des Bahnhofs aufhält, weil sie hofft, eines Tages doch noch genug Geld für ein Ticket zu haben, wie ein Blauwal, dem eine Plastikrutsche im Magen quer steckt. Auf jeden Fall nicht niedlich. Nicht so, dass derjenige, der sich dieses Grauen anschaut, das Bedürfnis verspürt, mich zu trösten. Es ist einfach nur überfordernd unattraktiv. Und sie hat es ganze 20 Minuten lang ausgehalten. Ich schluchzte und schrie, putzte mir zwischendurch immer wieder die Nase und fing vom Neuen an. Ich heulte um Alles. Um das arme Häufchen Elend, das ich mal war, um meine eigene Hilflosigkeit bei jener furchtbaren Begegnung im Wald, um meinen ersten Hund, den ich nicht gerettet habe, weil ich mit dem Verrecken beschäftigt war…
Mir wird jetzt erst bewusst, was für eine intime Sache das ist — voreinander zu weinen. Oft erträgt man weinende Menschen nicht, weil dadurch der eigene Schmerz aktiviert wird, deshalb sagt man dann, um sich selbst zu schützen, so gruselige und absolut nicht helfende Sätze wie «Nun sieh’s doch mal positiv!», «Du hast ein Dach überm Kopf, manche Menschen haben nicht mal das!». Ein Verlust muss immer abgetrauert werden. Man wird eine Weile gut zurecht kommen, indem man Erinnerungen wie zugebundene Müllbeutel in einen ungeliebten, dunklen Raum schmeisst, aber irgendwann ist der Raum voll und die schimmelige Flüssigkeit fängt an, durch die Risse im Mauerwerk zu sickern und nach und nach alle anderen Räume zu füllen.
Sie und ich. Wir waren so ähnlich und so verschieden. Drei Jahre lang haben wir zusammen gewohnt und können wirklich stolz auf uns sein. Drei Jahre lang haben zwei Waisenkinder ihre ärmlichen Schätze miteinander geteilt. Es war für uns beide eine turbulente und manchmal verdammt harte Zeit.
Wir haben uns einander zugemutet. Und das eine Mal, da war ich ein hässlicher, trauriger Blauwal und sie hat mir dabei einfach nur zugesehen und es ertragen. Das werde ich nie vergessen.

Comments
  • T.A. says:

    Finde schön, was Du da geschrieben hast. Besonders das mit hässlich und schön weinen. Komischerweise finde ich weinende Mädels irgendwie immer — na hübsch ist das falsche Wort — aber jedenfalls nicht hässlich. Ich fühl mich dann meistens zum Trösten animiert.

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