Effi Mora

Februar

04.02.2016

«Ob Menschenkind oder Menschenhund ist oft genau so einerlei wie ein unbemaltes Osterei, einmal von vorn und einmal in Profilansicht» — dachte ich soeben als ich an einem Kindergarten vorbeiging und meinen sturen Esel der Marke Canis lupus familiaris hinter mir her schleifte. Der Hausesel wollte an jedem Grashalm stehen bleiben, minutenlang und sorgfältig wie ein Laborant, die letzten Pinkel-News von den Bodenproben ablesen, sich in den Pausen dazwischen hinsetzen, den Himmel anstarren, in die Luft schnuppern und tragisch seufzen, weil die Zukunft der Schnüffel-Wissenschaft in seinen Pfoten liegt und er ahnt, dass sie dort nicht besonders gut aufgehoben ist. Hinter uns versuchte ein junger Vater seinen Sohn zu überreden, den Zaun loszulassen und sich so langsam aber sicher Richtung Familienauto zu bewegen. In allen seinen vielen Händen hielt der Vater das tägliche Nötigste eines Kita-Besuchers: das Laufrad, die wasserdichte Spazierlatzhose, zwei grüne Eimer, ein Netz mit Tieren, einen Rucksack, eine Brotbüchse, das Schlafschaf, eine Kiste mit undefinierbaren Papierschnipseln, ein frisch gemaltes, noch nicht ganz trockenes Glitzerbild, hochzerbrechliche gebastelte Fauna, gemacht aus Flora, und einen Apfelstrunk — nehme ich zumindest an, dass all diese Klassiker dabei waren. Dem Alter nach beherrschte das Kind sicherlich einige Wörter, wenn nicht sogar Sätze, aber es begnügte sich mit einem kurzen, deutlichen «Nein!». Das finde ich logisch. Wozu braucht man wortreiche Erklärungen, wenn man sich seiner Rechte bewusst ist. Nein, die braucht man nicht. «Aber unser Auto ist doch ein Polarbär!» — der Vater deutete auf einen weissen Kombi. «Nein.» — erwiderte der unerbittliche Sohn. Und mein Esel starrte mich an und sagte ebenfalls «Nein. Keine Chance. Wir bleiben hier. Und danach gehen wir noch zu den Mülltonnen und lecken die ein bisschen ab.»
Es gibt keinerlei Moral in dieser Skizze. Vermutlich geht es um Autorität und Grenzen. Ja, entweder so was. Oder die so willkürlich erscheinende Seelenverteilung in den ganzen unbequemen, ulkigen, albernen Körpern, die es auf der Erde so gibt. Manch einer würde gern Musik machen, kriegt aber einen Körper ohne Hände, ein anderer bekommt einen Körper, der ständig irgendwas will, dessen Gliedmaßen bei jedem Schritt klirren und nerven, den man nie ausblenden kann. Oder man erinnert sich an alles und hat alles schon damals verstanden, aber die Sprache reicht einfach nicht aus. Aber am schlimmsten ist es, wenn man ein niedlicher Hund ist. Da kann man sich noch so oft auf die Hinterläufer stellen und meckern, man wird ja dennoch permanent am Kopf getätschelt und nicht ernst genommen.

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