Effi Mora

Grabrede

29.10.2015

Heute nehmen wir Abschied von unserem geliebten Kleidungsstück — dem Schlafhemd, auch bekannt als universelle Arbeitskluft. Ich blicke in viele Gesichter und sehe Tränen der Trauer, aber auch Tränen der Freude, so ein wunderbares Textilstück gekannt zu haben. Als es zu uns kam, hatten wir ein erfülltes Sexualleben mit jemandem, den das archaische, um nicht zu sagen urgroßmütterliche Erscheinungsbild unseres geliebten Schlafhemdes weder erschreckt noch in die Flucht getrieben hat. Oh ja, es wurde apzep…apzep…akzeptiert und respektiert und als das wahrgenommen, was es wirklich war — ein schräges, falsch genähtes, eigenartiges, praktisches, anspruchsloses Werk der modernen Kolonialisierung und der unfairen Handelsbedingungen. Es hat mit uns zusammen den Wohnungsbrand des Punker-Pärchens eine Etage höher und den daraus resultierenden Wasserschaden überstanden, es war uns ein treuer Gefährte als wir in der stromlosen Wohnung vier Monate lang vor uns hin depressiert hatten, es war da, als wir zu Weihnachten und zu Silvester gar nicht erst aufgestanden sind. Es hat sich mit uns zusammen amüsiert, als wir eines Morgens, auf der Toilette sitzend, plötzlich eine Ladung Schutt in unsere Pyjamahose fallen sahen, welcher ein Lippenstift und eine Sonnenbrille folgten und es hat mit uns gelacht, als wir nach oben schauten und ein Loch in unserer Badezimmerdecke vorfanden, durch das es sich perfekt mit den Handwerkern kommunizieren ließ. Wir haben uns stets bemüht, unserem geliebten, nun dahin geschiedenen Schlafhemd ein abwechslungsreiches Leben zu bieten. Wir nahmen es mit nach Berlin und begossen es mit Billigsekt und am nächsten Morgen durfte das Hemd ganz allein Brötchen holen gehen, weil das, was im Hemd drin steckte zu dem Zeitpunkt noch nicht zu den Lebenden zählen konnte.
Nach all den Höhen und Tiefen wollen wir uns aus der tiefsten Untiefe unserer Herzen bei unserem Schlafhemd für die vielen gemeinsamen Jahre und die engelsgleiche Geduld bedanken und ihm einen guten Weg wünschen. Und nein, es taugt nicht mal mehr als Putzlappen, ich hab gesagt NEIN! LEG DAS WIEDER ZURÜCK IN DEN BEUTEL! Ich mein’s ernst, man kann nicht alles aufheben…
Leb wohl, Kumpel. Grüß die blaue Hose!

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