Effi Mora

Im Eimer

22.10.2015

Es ist ja kein Geheimnis, dass es beim künstlerischen Prozess um den Energieaustausch geht. Im Idealfall entsteht eine Verbindung zwischen dem, was der Künstler reingesteckt hat und dem, was der Rezipient bereit ist, aufzunehmen (der pornographische Unterton ist kein Zufall, nein). Manchmal sind beim Betrachter allerdings die Kanäle verstopft, das sollte man stoisch akzeptieren und sich die Wuttränen schleunigst aus dem Gesicht wischen. Am einfachsten hat man’s mit Illustration, denn sie ist das Flittchen unter den Genres — leicht zugänglich, nicht sonderlich elitär und man braucht meist kein philosophisches, politisches oder theologisches Grundwissen, um eine Illustration zu begreifen. Sie erzählt ja alles von selbst.
Witzig wird es erst, wenn es um «erwachsene» Kunst geht, die in der großen, schrillen Welt der doppelten Böden, der inneren Zerrissenheit und der versteckten Botschaften ihr Unwesen treibt. In dieser League kann man niemandem bunten Sand in die Augen streuen. Dort erschließt sich das energetische Potenzial eines Werkes ziemlich schnell und so manche pseudointellektuelle Position entlarvt sich selbst, indem sie z. Bsp. niemanden ankotzt. Schauen wir uns mal kurz einen offiziellen Brutkasten der zeitgenössischen Kunst an — die Kunsthochschule. An einer Kunsthochschule gibt es in der Regel Jahresausstellungen, die für ihre Anzahl der Menschen in goldenen Jacken kombiniert mit Jogginghosen und die Vielfalt künstlerischer Positionen bekannt sind. Bei einer Jahresausstellung haben die Studierenden die Möglichkeit, das, woran sie monatelang verzweifelt sind, einem breiten (nicht im cannabisrelevanten Sinne natürlich ) Publikum zu präsentieren. Das interessanteste daran sind die zufälligen Besucher, die sich irgendwie verlaufen haben, aber die Tür stand nun mal offen und «Nu klar, kann man sich mal angucken, wie so’ne Bastelschule von innen aussieht.» Man hat den besten Blick darauf, wenn man in einem der Ausstellungsräume gerade Aufsicht macht. Früher oder später kommen sie rein — das Ehepaar im fortgeschrittenen Lebensherbstmodus. Sie wollen sich gar nicht lange aufhalten und sind schon ganz durstig auf ein großes Bier in irgendeiner festlich beleuchteten Gasse. Auf dem Plakat stand was von Kunst…und dann stehen sie plötzlich drin. Zunächst völlig irritiert. Kein Caspar David Friedrich in Sicht. Ganz und gar nicht. Gleich der erste Raum, den sie betreten, ist leer. Einfach nur leer. Was für eine Frechheit! Der nächste enthält, und das ist weniger überraschend, eine Videokamera und einen gelben Eimer mit zwei Schläuchen darin. Das Ehepaar stürmt zum Fenster, schaut synchron hinaus, versucht kramphaft den Eimer zu ignorieren. «Schöne Aussicht haben die ja hier.» Der Eimer wird bewusst ausgeblendet. Man will nicht sofort zugeben, dass man offenbar reingelegt wurde. In ihren Gesichtern ist dabei ganz schön was los. Von grün bis lila, von Irritiertheit bis Ekel ist alles dabei. Sie schauen nach oben zur Stuckdecke, wieder aus dem Fenster und haben ja doch nur einen einzigen Gedanken: Der verdammte Eimer mit den Schläuchen nervt! «Jetzt frag doch mal bitte!» — zischt einer der beiden fast wütend. «Was wollte uns der Künstler denn damit sagen? Etwa, dass hier mal wieder gewischt werden muss? » — beide kringeln sich vor Lachen. Dies ist der Moment, in dem man zwischen den Welten vermitteln kann. Man kennt ja die Kommilitonen, man weiß, wer zwei Tage vor der Vernissage ein halbherziges Alibi-Objekt abgegeben hat, nur um mit dem Namen dabei zu sein und wer ein halbes Jahr, Blut schwitzend und schlaflos, an einem gelben Eimer gearbeitet hat und möglicherweise immer noch nicht zufrieden ist, weil ihm ein philosophisches Manifest vorschwebte, das aber nun eben gelb ist und wie ein Eimer aussieht. Man steht also da, die Ehre der Hochschule balanciert über dem Abgrund, und erzählt, und fuchtelt mit den Händen, und steigert sich rein, und will den beiden unbedingt diesen coolen Trick zeigen, der darin besteht, dass man sich irgendeinem hypothetischen gelben Eimer erst nähert, wenn der innere Dialog Sendepause hat, es kann zwar passieren, das man sich dabei ziemlich nackt fühlt, wenn einem nicht das geliebte Werkzeug «Einordnen», «Bewerten» und «Ablehnen» zu Verfügung steht, jedoch hat der gelbe Eimer nur dann eine Chance seine Geschichte selbst zu erzählen. Aber was genau ist denn überhaupt passiert? Wie ist es überhaupt so weit gekommen? Wir gehen doch so oft an Dingen vorbei, die in unserem Bewertungssystem nicht so gut abschneiden würden, wir ignorieren diese sogar, wenn sie uns ins Gesicht gepfeffert werden, wir blenden Uninteressantes oder Unwichtiges aus, weil die Festplatte ja auch nicht ewig dehnbar ist. Ein Gummibesen, der im Supermarkt gerade zum fantastischen Preis von 10,99 Geldeinheiten angeboten wird, bleibt uns nicht im Gedächtnis, weil wir schon fünf davon haben und dieses Angebot auch nicht wirklich super ist. Aber warum? Der Besen wird uns ja genau so aggressiv serviert, wie der gelbe Eimer, auf dem «Kunst» drauf steht. Wegen der guten alten Energie eben. Die dem Eimer an sich unangemessene Genervtheit der Besucher, sowie die Tatsache, dass sie trotz diverser Ablenkungsmöglichkeiten nicht einfach dran vorbei gehen konnten, sind ein Zeichen dafür, dass Energie ausgetauscht wurde. Der Schöpfer des Objekts «Gelber Eimer mit Schläuchen» wollte auf etwas hinaus. Worauf — ist dabei völlig egal, denn die moderne Kunst möchte gar nicht verstanden werden, sie bleibt lieber elitär und kauzig und das ist gut so. Der Eimer mag uns ankotzen oder irritieren, aber wir beschäftigen uns mit ihm. Es steckt Energie drin. Ach ja, und zufälligerweise waren auf beiden Seiten die Kanäle gerade sperrangelweit offen.

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