Effi Mora

«In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.»

24.04.2016

Nee, ich versteh das nicht. Das heißt, ich versteh das schon, aber ich versteh’s halt einfach nicht.
Schon wieder weht so eine leicht muffige, enttäuscht-empörte Brise durch die virtuelle Welt. Die User klagen die sozialen Netzwerke an, in welchen sie bis zum Scheitel festsitzen, ihr Denkvermögen, ihre Tiefgründigkeit und sogar ihre Beziehungen zu zerstören.
Ein typischer Post zu diesem Thema:
13062257_10207506652437602_923661608294388917_n

Oh man…ist ja, im Prinzip, wahr. Dennoch gehört da schon ein gewisser Hang zum Dramatisieren dazu, sowie eine enorme Bereitschaft, sich von irgendeiner äußeren Macht, in dem Fall vom bösen Internet, komplett durchs Leben leiten zu lassen. Wie ein blindes Katzenbaby.
Das ist nur ein Beispiel. Manche Experten gehen noch weiter und parodieren die so sinnlos gewordenen Online-Dialoge, indem sie selbst nur einen brutalst sinnentleerten Buchstabensalat in den Äther spucken. O.k. Einmal Klatschen bitte. Soll das ein Protest sein? Ich denke, da gibt es wesentlich elegantere Lösungen — zum Beispiel anstatt noch mehr digitalen Müll zu produzieren, selber Etwas mit mehr Inhalt und Sinn generieren. Selbst dafür sorgen, dass die Qualität der Beiträge besser und die persönlichen Nachrichten/Kommentare sinnvoller werden. Ich weiß noch, wie traurig manche Jungs vor einpaar Jahren waren, dass ihre politischen/gesellschaftskritischen Beiträge nicht geliket wurden und deshalb schnell untergingen, während irgendwelche dummen Puten Fotos von ihren Einkäufen oder frisch gezupften Augenbrauen auf die Menschheit losließen und dafür gaaaaanz viel Anerkennungsfastfood ernteten. Frustrierend, was? Da wird man ja regelrecht dazu gezwungen, keine politischen/gesellschaftskritischen Beiträge mehr zu verfassen. Sich überhaupt keine Mühe mehr zu machen, Gedanken zu formulieren. Seufz. Wisst ihr was? Ja, es ist ein wenig schwerer, an der Belohnung vorbei zu handeln. Etwas zu produzieren, quasi nur für sich und ein winzig kleines Häufchen von Gleichgesinnten, aber worum geht es euch denn bei diesem ganzen Online-Zirkus überhaupt? Doch wohl nicht etwa um Likes? Ich dachte, euch geht’s um die Qualität der Beiträge…hm. Aber dann waren eure so genannten politischen/gesellschaftskritischen Posts möglicherweise einfach nur für’n Arsch? Die dummen Puten mit ihren Augenbrauen waren eventuell einfach authentischer? Dümmer und sinnloser, ja. Aber irgendwie dennoch interessanter. Nicht so am Leben vorbei wie euer ewiges, furztrockenes Hin-und-her-Teilen vom ewig fremden Gedankengut? Es gibt doch Tausende von erfolgreichen Online-Autoren, die keine Katzenfotos posten müssen, um einen stabil großen Leseranteil zu haben. Warum wohl? Ich würde ja spontan sagen, weil die nicht so viel rumflennen und den bösen bösen Medien die Schuld an der eigenen Unzulänglichkeit geben. Ach so, und natürlich, weil sie interessante Texte schreiben. (Und angefangen haben die vermutlich damals bei myspace und blogspot, als das Phänomen der schnellen Belohnung durch Likes noch gar nicht existent war und jeder quasi auf gut Glück geschrieben hat)

Aber ja, ich hab diese ganzen Artikel über die Gefahren der großflächigen Digitalisierung auch gelesen und bin mir dessen bewusst, dass sich tatsächlich viele Dinge ändern. Vor allem ändert sich das Tempo, in dem wir Informationen aufnehmen, verarbeiten und weiter verbreiten. Ja, es kann einen schon ordentlich nervös machen. Immer mehr Menschen klagen über Konzentrationsschwierigkeiten und manche sogar über die Unfähigkeit, ein normales Buch zu lesen, weil sie es schon so gewohnt sind, beim Lesen eines Textes, viele weitere Tabs in der Warteschleife zu haben. Das macht jeden irgendwie wuschig mit der Zeit. Ich kenne das, man liest einen Artikel und schafft noch nicht mal die Hälfte, weil irgendwas blinkt und tutet und versucht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und selbst wenn man sich vornimmt, den verfluchten-verfluchten Chat zu ignorieren (und ich hab schon immer gesagt — diese fucking Messenger kommen direkt aus der Hölle. Pervers genug, dass man 24h erreichbar ist, die informieren auch noch ungefragt alle möglichen Menschen darüber, ob man sich schon bequemt hat ihre Nachrichten zu lesen) so ist man dennoch abgelenkt und unkonzentriert und weder hier noch dort bei der Sache. Das ist grundsätzlich falsch und ich weigere mich wo ich nur kann, an diesem Wahnsinn teilzunehmen, aber so ist nun mal die Entwicklung und diese muss man sich irgendwie zunutze machen, weil man sie mit Rumgeheule und Beschuldigungen definitiv nicht aufhalten wird. Wie dem auch sei, in einem der Artikel über unsere Wahrnehmung und wie sich diese in den letzen Jahren aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung verändert hat, wurde das ganze an einem F-Schema erklärt. Ein durchschnittlicher User liest die Beiträge nicht mehr komplett, sondern nach dem F-Prinzip: die ersten oberen Zeilen vollständig, dann scrollt er ca. bis zur Mitte, liest weitere zwei/drei Zeilen, um ungefähr zu begreifen, worum es in dem Text geht, und scrollt anschließend komplett runter bis zum Ende, wobei er immer ungeduldiger und nervöser wird und den Tab einfach zumacht. Ungefähr auf die gleiche Weise versucht man dann wohl automatisch ein Buch zu lesen und merkt schnell, dass es nicht funktioniert.
Also ja, ich weiß, ganz großer Mist. Geht alles viel zu schnell und wird immer oberflächlicher, narzisstischer, suchtträchtiger. Deshalb sollte man erst recht auf sich aufpassen. Längere Texte lesen, längere Texte schreiben, eigene Inhalte generieren. Wenn man nämlich eigene Inhalte generiert, braucht man nicht über die blöden Konsumenten zu wettern. Die Konsumenten werden zu Lesern, Diskussionspartnern, Menschen, die einem ein Feedback geben können, und das klingt doch schon freundlicher und, ähm, weniger nach einer beleidigten Leberwurst, der schon wieder was weg konsumiert wurde.
Die Geschwindigkeit, mit der in der digitalen Welt die Inhalte weg rasen, ist ekelhaft schwindelerregend, da geh ich mit, aber ihr wollt doch nicht behaupten, dass die böse böse Entwicklung so viel Macht über euch hat, dass ihr euch nur noch fügen könnt? So richtig määääh? An den Hufen gepackt und auf den Wagen geschmissen?

Man darf nicht vergessen — es ist nur ein Instrument! Vor 7 Jahren hatte ich schon mal eine Diskussion mit einem strikten Vertreter der «analogen» Malerei. Als er mich mit einem Grafik-Tablett in der Hand sah, verkündete er festlich und schadenfroh: «Na da haben wir’s doch schon! Die Maschine macht jetzt alles für uns. Ohne technische Krücken geht wohl gar nichts, wa?». Hm…Noch sind die «Maschinen», zumindest die, die ein Anfänger sich leisten kann, nicht in der Lage, mehrere Semester Anatomie+Aktzeichnen zu absolvieren. Das heißt, ja die Maschine hat viele Effekte drauf, aber wenn du nicht weißt, wie an einem Menschen die Arme befestigt sind, nützt dir das nichts. So wie die Maschine nur ein Instrument ist, mit dem man arbeiten und entweder brauchbare Inhalte oder eben totalen Kackmist produzieren kann, so ist es auch das Internet. Und alle, die es immer noch nicht geschnallt haben, werden es in Zukunft ziemlich schwer haben.

Und was die sinnlosen Phrasen und oberflächlichen Smalltalk angeht…pfff, dann produziert einfach weniger davon, wenn’s euch so nervt. Ich kenne außerhalb des Internets auch nicht so viele Menschen, mit denen man sich wirklich tiefgründig unterhalten kann. Das Internet ist hier nicht das Problem. Und diejenigen, bei denen das anders ist, neigen erfahrungsgemäß nicht dazu, irgendwas/irgendjemanden zu beschuldigen. Sie machen einfach ihr Ding und stecken andere damit an.

Peace

Comments
Add your comment

Replay

Your email address will not be published

Thank you! Your submission has been received!

Oops! Something went wrong while submitting the form

Blog tags:

AchtsamkeitAgnes&OlgaAus dem Tagebuch von Benedikt-Zachary Maria von Chuchleder lange Weg nach HauseFräulein PrimelFreundschaftgagajeden Monatkopfloses InterpretierenKUNST (das ist mir zu 'art)LiebelifeLiteraturMäääähMonsieur HundMyDresdenNewspersönliche Grenzenpostdramatische AltlastenstörungTierweltTraumaWunderlandzwischen den Welten View all tags