Effi Mora

linguaphile innere Kumpels

03.06.2016

Elfriede Scholz — die kleine Schwester von Remarque. Ich weiß immer noch nicht, ob Remarque ein guter Schriftsteller war oder nicht. Mag sein, dass die Sprache sehr journalistisch ist, aber ich liebe ihn ganz inniglich. Ich liebe ihn wie einen langjährigen Freund. Vor 17 Jahren saß ich jeden Tag nach der Schule in meinem Zimmer, in der linken Hand — das Wörterbuch, in der rechten — «Arc de Triomphe» und verstand kein Wort. «Die Frau kam schräg auf Ravic zu. Sie ging schnell, aber sonderbar taumelig. Ravic bemerkte sie erst, als sie fast neben ihm war. Er sah ein blasses Gesicht mit hochliegenden Wangenknochen und weit auseinanderstehenden Augen. Das Gesicht war starr und maskenhaft; es wirkte, als sei es eingestürzt, und die Augen hatten im Laternenlicht einen Ausdruck so gläserner Leere, dass er aufmerksam wurde.» — das ist wie alte Fotos anschauen. Es ist soooooo lange her — long time ago in a galaxy far far away — und dann fängt irgendwas an zu pulsieren und sich…anzufühlen. Aber damals habe ich für diesen kurzen Abschnitt vermutlich eine Dreiviertelstunde gebraucht, und irgendwann auf Seite 433 stellte ich fest, dass ich nur alle 10 Minuten das Wörterbuch aufschlage und nicht mehr nach jedem zweiten Wort. Sie trinken in dem Roman die ganze Zeit Calvados — einen Apfelbranntwein aus der Normandie, und rauchen viel zu starken Tabak. Haben Flashbacks und rächen sich an den Mördern und Folterern. Und dann kommt auch schon der nächste Krieg, sowohl im Roman als auch in der Realität. Und der nächste Verlust. Elfriede Scholz wird ’43 hingerichtet. Der Wikipedia Artikel über sie ist echt doof. «Als Kind kränkelte sie häufig. Später absolvierte sie eine Schneiderlehre.» hmm. Herzlichen Dank. Wie war wohl diese Frau, die mit Stecknadeln zwischen den Lippen, mit wundgestochenen Fingern Garne und Zwirne sortierte und wohl zu temperamentvoll war, um sich zurück zu halten, weshalb sie sich einer Kundin gegenüber ziemlich abfällig über den Größenwahnsinnigen mit dem hässlichen Bärtchen äußerte, der sein eigenes Volk als Kanonenfleisch dem Tod in den Rachen schmeisst. Sie soll gesagt haben, dass sie ihm am liebsten selbst eine Kugel in den Kopf jagen würde. Und die Kundin, diese sympathische Person, um nicht zu sagen eine ganz normale, typische Ratte, sei schnurstracks zu denen gerannt, die sich für solche Aussagen brennend interessiert hatten. Und sie, diese daran Interessierten, nahmen den Hinweis dankend entgegen. Wenn der Bruder schon entwischt ist, dann kann man wenigstens seine Schwester hinrichten.
In Dresden gibt’s irgendwo einen Stolperstein für Elfriede Scholz. Bin bis jetzt noch nicht drüber gestolpert. Außer hier gerade, weil ich ihr Foto auf der Festplatte gefunden hab.

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