Effi Mora

März

01.03.2016

Na ja, herzlichen Glückwunsch, Mademoiselle. Jetzt wo der Winter zurück kommt, haben wir endlich die Weihnachtsdeko — all das Goldene, Stachelige, Klirrende — in Kisten gepackt und zum Übersommern ins Regal gestellt.
Ein bisschen schade ist es, dass die armen Krokusse da draußen sich wohl zu früh gefreut haben. Sie versuchen es natürlich, aber es sieht nicht gut aus. Überall in der Stadt sind Fotografen unterwegs: schneebehangene Äste von unten, schneebehangene Äste von oben, von der Seite, schräg, schwingend und ganze Ladungen abwerfend, aufgeschreckte Vogelschwärme, Passanten, die sich plötzlich wie ein Korkenzieher drehen und versuchen mit beiden Händen Schnee aus der Kapuze zu schütteln. Beliebtes Motiv — gekühlte Krokusse im Schneemantel. Apropos Mittagskarte — im italienischen Restaurant am goldenen Reiter gibt’s frische Muscheln für 10 euro. Und zwar seit ungefähr anderthalb Wochen. Inzwischen dürften sie den höchsten Grad der Frische erreicht haben. Also irgendwie gut, dass es wieder ein bisschen kälter wird.
Es passieren gerade so viele schöne Dinge, dass ich nur noch am Heulen bin. Wie seltsam es doch ist, wenn man zu denjenigen Beinah-Bahnhofskindern gehört, deren Lebensläufe sie dazu imprintet haben, von jedem, der freundlich lächelt und Kontakt aufnimmt erstmal vorsichtshalber einen rippenbrechenden Mae-Geri, und gleich im Anschluss noch einen saftigen Mawashi-Geri in die freche Fresse, zu erwarten und sich lieber präventiv zu verkrümeln. Wie seltsam und manchmal einfach nicht mehr aktuell. Ein Programm von früher, das immer noch läuft, aber eigentlich längst ein Update braucht. Denn die, die vor neun Jahren da waren, sind immer noch da. Und die, die vor fünf Jahren da waren, sind immer noch da, und die, die vor drei Jahren da waren, sind immer noch da. Wir sind innerhalb unserer Konturen, jeder für sich, aber mit gemeinsamer Vergangenheit, die dieses Mal bleiben darf. Und meine Agnes ist wohl der hübscheste Krokus in ganz Berlin und erträgt mich immer noch. Unfassbar. Unverdient. Und schon kullern wieder die Tränen über das Pfannkuchengesicht. Ein ganz trauriger Pfannkuchen bin ich neuerdings. Aber auch glücklich wie nie zuvor. Das Rezept des Glücks ist ganz einfach: es war schrecklich und jetzt ist es nicht mehr schrecklich, man hatte Angst, und hat jetzt fast keine mehr, man war krank, und…darf sich zumindest endlich zurückziehen und auskurieren, es war gefährlich und jetzt ist es sicher. Wenn ich mir all meine Schätze so anschaue, fühle ich mich wie die Frau eines russischen Kaufmanns aus dem 19. Jahrhundert. Ich sitze hier rum, in einem knallroten Mantel, die weißen Oberarme sprengen fast die Ärmel, links von mir (mit dem Arsch auf dem Kissen) — der Hund, der früher so spindeldürr war wie ein Fahrrad, und jetzt randvoll mit Lachsöl ist und vor sich hin glänzt mit seinem neuen, gesunden Fell, rechts von mir — Skizzenbücher und anderes Spielzeug, zwischen den Zähnen — ein Apfel, wie bei einem Spanferkel, auf dem Herd — fünf Liter Suppe. Die Pflanzen wuchern, die Geschichte schreibt sich, der Tod ist unentrinnbar. Alles gut, wie es ist.

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