Effi Mora

Mister Butterblume

24.11.2015

Das männliche Gegenstück zu den Mausis, die bei ihrer Suche nach einem Partner eigentlich auf der Suche nach einem bedingungslos stärkeren Elternteil sind (hier geht’s zu den Mausis), ist der Butterblumenmann. Der Butterblumenmann möchte nämlich von einer schönen Prinzessin gerettet werden, was aber nur in den seltensten Fällen geschieht, da es einfach nicht zum Szenario passt. Der Butterblumenmann wurde geboren, um zu leiden. Mir tun solche Männer furchtbar leid und ich sehe sie ständig und überall. Es ist wirklich traurig. Sie sitzen einem im Bus gegenüber oder schreiben einem verzweifelte Emails, hin und wieder nimmt man eine verträumte Gestalt mit ziemlich schlechter Haltung vor einem Kühlregal wahr und weiß ganz genau: wenn der sich in den nächsten fünf Minuten nicht bewegt, dann bemitleidet er gerade die glasigen Augen toter Fische und ist eindeutig ein Mister Butterblume. Schaut man sie aufmerksam an, erkennt man durch die tonnenschwere Alltagspatina, wie sie mit fünfzehn waren. Damals waren ihre Träume nach einer Prinzessin ja auch irgendwie legitim. Zumindest war das nichts Peinliches, nichts von diesem «Alte-Herren-gehen-zum-Ballett»-Ding. Sie hatten Sommersprossen und leicht abstehende Ohren, fuhren mit dem Fahrrad bis zum nächsten Dorf, wo dieses Mädchen mit dem blauen Kleid wohnte, sprachen es allerdings niemals an. Das ist ein ganz wichtiges Merkmal eines Butterblumenmannes — bloß keine konkreten Handlungen! Die könnten ja zu einem Ergebnis führen und dann wäre der schöne Traum kaputt. Ja, sie träumen viel, eigentlich die ganze Zeit. Weil sie biologisch gesehen auch Männer sind, ist es ihnen natürlich nicht fremd, alle sieben Sekunden an Sex zu denken (ich weiß, ich weiß), mit dem Unterschied, dass sie alles, was sie imaginieren, in Rüschen und cremefarbenen Samt packen. Damit das nicht ganz so plump ist. Plumpheit haben sie schließlich genug um sich herum und das tägliche, gedankliche Entkommen-Wollen ist das, was Butterblumenmänner überhaupt am Leben erhält. Irgendwo, irgendwann… Fast immer werden sie von großen, lauten, herrischen Frauen geheiratet und zwar genauso, wie es da steht: sie heiraten nicht, nein, sie werden geheiratet. Sie lassen dies Schrecken über sich ergehen, weil das mit dem Haushalt ja nun doch irgendwie gemacht werden muss und weil es einfach verdammt anstrengend ist, ständig seinen Kopf aus den Wolken ziehen zu müssen, weil irgendwelche doofen Mahnungen ins Haus flattern. Mensch, ich mach das doch nicht mit Absicht! Ich vergesse einfach viel — rechtfertigt sich der Butterblumenmann, aber der papierfressenden Bürokratie-Maschine ist das egal, sie fletscht die Zähne, und fährt ihre Krallen raus, und rollt mit den glänzenden, irren Augen, und pustet den Zigarettenrauch kringelweise durch die Nase, und ruft: Funktioniere! Funktioniere! Funktioniere! Wer würde da nicht…? Auch eine interessante Frage ist, warum sich die großen, lauten, herrischen Frauen, die betonfest im Leben stehen überhaupt von solchen Blümchen angezogen fühlen. Hm…irgendwas mit dem passiven Magnetismus der Wasserzeichen, Venus in den Fischen, Mond im Krebs…Anziehungskraft der authentischen Hilflosigkeit, das Bedürfnis stabiler Menschen, weg fliegende Objekte unbedingt zu erden. Who knows. Leider verstehen die Gattinnen oft nicht, dass sie es eigentlich mit einer fremden Lebensform zu tun haben, und da können sie noch so viel von ihrer immer gut gelingenden Soße drüber gießen und noch so oft den scheinbar trägen und lustlosen Ehemann auf die Rückbank ihres VWs schnallen und zu den Schwiegereltern fahren, er wird diese Sprache nie als Sprache der Leibe deuten. Für ihn darf die Liebe niemals konkret sein und schon gar nicht die Form irgendwelcher Alltagsmuster annehmen. Sie ist viel mehr Etwas, was irgendwo dort, drüben, dahinter, damals, irgendwann passiert, hinter der Horizontlinie, in einem anderen Land, im Wald, ein Rotkäppchen, das sich verlaufen hat, eine subtile leuchtende Fee, die sich mit jedem weiteren Schritt immer mehr in Luft auflöst, eine ätherische, ungreifbare Prinzessin. Mit zunehmenden Alter werden solche Männer leider ziemlich eklig. Das ist auch logisch. Der Traum von einer Prinzessin kann nicht ewig in seiner ursprünglichen Form verweilen, damit der Butterblumenmann überlebt, muss auch der Traum aktualisiert und an die vulgären Lebensbedingungen angepasst werden. Man könnte auch sagen, der Traum ist mit der Zeit leicht verschimmelt, aber Mister Butterblume ja auch. Er ist lange nicht mehr der hübsche, verträumte Junge auf dem Fahrrad. Das notgedrungene Ablenken und Trösten mit den üppigen Kochkünsten seiner Frau und die illusorische Freiheit eines Bierchens am Abend formten seinen Körper, aus dem anfangs harmlosen Chatten und Whatsappen mit irgendwelchen unrealen, sowieso unerreichbaren und deshalb wohl attraktiven Frauen, wurde eine peinliche Sucht und da er nun sowieso in diesem Sumpf feststeckt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich dementsprechend zu benehmen. Mister Butterblume wird zum «Alten Lüstling ohne Ambitionen». Und nun? Rettung, Heilung, Lösung, wenigstens irgendein Lichtblick? Jeder zweite Schriftsteller, Musiker, Maler usw. ist ein Mister Butterblume. Ist klar, worauf ich hinaus will, nicht? Aber was tun mit den anderen? Mit denen, die im Körper und mit den Möglichkeiten von Dieter Müller und Karl-Heinz Meyer geboren wurden? Ich finde ja, dass Mister Butterblume und die Mausi gute Chancen hätten, auch wenn das am Anfang nicht so aussieht. Nur sollten sie sich erst später kennen lernen, wenn beide ungefähr Mitte fünfzig sind. Als junge Frau war Mausi einfach nur chronisch hilflos und hatte das in ziemlichen Leuchtbuchstaben auf der Stirn stehen, dazu kam immense innere Unruhe, die sie dazu brachte, unbedingt cool wirken zu wollen, mit allen Attributen eben: gemeine Dinge sagen, Zigarettenrauch kringelweise durch die Nase pusten, hohe Lederstiefel tragen, nicht gerade eine Prinzessin, könnte eher mit der Bürokratie-Maschine verwechselt werden. So hätte er sie gar nicht bemerkt. Wenn Mausis allerdings älter werden, haben sie immer noch was kindliches an sich, infantile Menschen sehen fast immer jünger aus als sie sind. Und so kindlich, rundlich, tollpatschig, verträumt und immer noch nicht ganz lebensfähig könnte sie schon fast wie eine Prinzessin erscheinen, auf jeden Fall ist sie weder laut noch herrisch. Da sie ihre Fantasien von einem bedingungslos erwachsenen Partner früher oder später abgegeben haben muss, ist es sogar wahrscheinlich, dass Mister Butterblume ihr überhaupt auffällt. Er wiederum, von ihrer passiven und weichen Art überrascht, könnte sogar die eine oder andere aktive, männliche Eigenschaft entwickeln, was bis dahin durch den enormen Aktionismus seiner Frau komplett abgeschnürt wurde. Es ist, meiner Meinung nach, nur fair, dass ähnliche Lebensformen zusammen kommen. Für die große, laute, herrische Ehefrau gibt’s genauso einen viel passenderen Partner, der sich im Gegensatz zum Butterblumenmann nicht von ihrer aktiven Art abgestossen fühlt, sondern selbst aktiv und präsent ist, dann sind sie wie zwei richtig gute Pferde in einem…gut, lassen wir das. Die Mausi und Mister Butterblume also. Würde, glaub ich, passen. Ihr gemeinsamer Haushalt wäre am Anfang wohl ein herrliches Desaster, aber auch das lässt sich im Laufe der Zeit korrigieren.

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