Effi Mora

November

22.11.2015

Die Elbe fließt spiegelglatt. Vor einigen Tagen noch packte der Wind das graue Wasser und schmiss es wütend gegen die Steine, Hier! Nimm das, du Luder! Und heute hat man hier Licht und Luft und diese typischen Dresdner Wolken, die so handwerklich genau die karamellisierte Silhouette der Stadt nachbilden. Ich hab Lust, meinen Hund in einen Kinderwagen zu setzten und nebenher zu joggen. Meine Fußgelenke würden zwar schreien: «Aaaaaa! Lose weight, Brunhilda Ivanovna! Wir sind nicht aus Titan.», aber dann grüßten mich die anderen Kinderwagen-Jogger auf diese spezielle Art, ihr wisst schon: Guten Tag, das machen Sie richtig! Ein niedliches Kind haben Sie da…ach du Scheiße, das arme Ding…Auf Wiedersehen. Na ja, meinem Hundekind geht’s gut. Es wälzt sich in den Überresten toter Mäuse, grast die Elbwiesen ab und bellt innbrünstig eine Boje an, ist das zu fassen?! Steckt da einfach ne Boje im Wasser! Weiß die denn nicht, dass Monsieur Hund seit jeher die hellste Kerze auf dem Kuchen ist? Er hat ziemlich komplizierte Beziehungen mit Rollkoffern und undefinierbarem Schrott, der manchmal unter den Brücken liegt. Aber komplizierte Beziehungen sind nun mal das «Alpha & Omega», das «Vaterunser», die Kohlenhydrate und das Eiweiß für jeden einigermaßen funktionierenden Stadt-Metabolismus. Nicht gerade neu, der Gedanke, was? Es sind zur Zeit wahnsinnig viele Gänse an der Elbe. Tausende. Sie sind immer in Grüppchen unterwegs und wirken etwas verstört…stopp! Jaja, ganz bestimmt sind das syrische Gänse. Geh einfach weiter, komm, hör auf mit dem Quatsch! Wir laufen eine Weile durch den Rosengarten und stolpern dann hastig zurück zum Wasser. Mittlerweile reagiere ich genauso aufgedreht auf jede raschelnde Tüte oder plötzliche Skateboard-Geräusche, dauert sicher nicht lange und ich steck’ bis zum Bauchnabel in irgendeinem Kaninchenbau. Es wird kalt, ich spüre meine Füße nicht mehr und möchte bitte einen heißen, schwarzen Kaffee trinken, irgendwo, wo’s schön ist. In den bodenlosen Taschen meines Mantels findet sich leider kein Kleingeld, dafür ein zu Tode zerkatschter Gummiball, den wir heute mal nicht werfen, und ein Keks aus der Klinik. Zuhause hütet so mittelalterlich anmutendes Rasselgut wie Buchweizen, Linsen und Erbsen das Regal. Ein Stück Butter müsste noch da sein. Na, das klingt doch ganz heimelig. Dann gehen wir mal…nach Hause (Grundgütiger!)…Im Regierungsviertel hat man am stärksten diesen Eindruck, von Kulissen umgeben zu sein, besonders an einem Sonntag, wenn alle Fenster dunkel sind. Weh, es interpretiert wieder einer irgendwas regierungskritisches hinein! Ich bin aus dem anderen Film — ich kritisiere nicht, ich beobachte nur. Hier fahren zum Beispiel gerade zwei Strassenbahnen ineinander. Wie leuchtende Riesenwürmer. Aaaaa-aa-aa-m! — macht die eine den Mund auf und verschlingt die andere. «Carolaplatz. Regierungsviertel», Sonntagspassagiere lehnen sich an die beschlagenen Scheiben, in ihren Handys immer wieder die gleichen Whatsapp-Nachrichten, sie fahren nach Hause. Über den heutigen Mond sag ich gar nichts. Er ist schon seit Mittag da.

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