Effi Mora

«Schwindel & Verrat». Ein Minidrama, inspiriert vom Freundeskreis.

22.08.2016

Wenn man beim Aufräumen eigene alte Notizen oder Texte findet, ist man nicht selten peinlich berührt. Zwar hat man bei dieser Reise in die Vergangenheit eine gute Möglichkeit, seinem damaligen «ich» zu begegnen, aber oft sind diese Ergüsse entweder so teenagermäßig prätentiös und ernst oder einfach nur so schlecht geschrieben, dass man purpurot wird und sie schnell wieder weglegt. Nach diesem schrecklichen Fund hier musste ich allerdings sehr lange lachen. Ja peinlich, ja viele Fehler drin und ja, ich habe keine Ahnung, was mit dieser Frau damals los war, die so was schreiben musste, aber irgendwie kann ich das gerade nicht für mich behalten. Ein Minidrama. Hehehe. Von 2009 (mitten im Studium). Und der Zusatz im Titel «Inspiriert vom Freundeskreis». Hahaha. Oh man, da werden Erinnerungen wach.

et voilà

Rechtschreibung beibehalten.

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Ort und Zeit des Geschehens: Iljinkholm (heute Eilingen bei Rhodstadt) Juni, 19xx

 

 

Personen:

Lorenz Biberpelz, Geschäftsmann, Besitzer eines Herrenausstatter-Geschäfts, Mäzen, Stammgast der Kneipe „Zu X-ners Kholm“

Schatzi Biberpelz, seine Gattin

Magda, 6-jährige Tochter der Beiden

Hugo, 17-jähriger Sohn der Beiden

Viktor Blank, ungehobelt wirkender, bärtiger Dichter, Maler, Ethnologe, Freund der Familie Biberpelz

Liana Falz, Gouvernante

Erich, 7-jähiger Sohn des Gärtners

Die Dame

Mlin, Chauffeur der Familie Biberpelz

 

1. Akt, 1. Szene

 

Später Nachmittag, Salon der Familie Biberpelz, 

Schatzi Biberpelz, Hugo, Magda und die Gouvernante sitzen an einem runden Tisch, Hugo blättert in einem Magazin, die Damen nähen, Magda knabbert an der Spitze ihres Zopfes.

 

Hugo: Ah!

Schatzi Biberpelz (schaut ihn an, beugt sich zur Gouvernante): Ich fürchte, wir müssen…

Hugo: Ah! K..k..kk…

Schatzi Biberpelz (flüsternd): Ich fürchte, wir müssen ihm noch einmal die Medizin geben, er hat ja den Speichelfluss gar nicht unter Kontrolle.

Liana: Es ist doch nur, weil er gestern mit dem Chauffeur eine Flasche Rotwein getrunken hat, hinter dem Schuppen.

Hugo: Ah! K..kk

Schatzi Biberpelz: Ich werde wohl der Köchin alle Schlüssel weg nehmen müssen, der Weinkeller sieht so leer aus.

Liana: Drüben, bei den Strochnows gab es eine…

Hugo: Aaaaah…Ah! Que c´est beau!

 

Schatzi, Liana und Magda starren ihn an.

 

Hugo: Schauen Sie Maman! (reicht ihr das Magazin) Der panulirus ornatus erreicht eine Körperlänge von 50 Zentimetern! Ist das nicht surreal? Erst gestern hatten wir so ein Meerestier auf unseren Tellern, dampfend und harmlos, aber ich möchte ihm nicht im Wasser begegnen!

Liana: Herr Biberpelz, eine 50 Zentimeter lange Languste kann Ihnen doch nicht genau so surreal erscheinen wie ein..sagen wir mal, Blauwal?

Hugo: Oh das ist ja das erschreckende an den kleinen Kreaturen, wenn sie weder richtig winzig noch so abstrakt groß sind, dass man sie nicht fürchten kann. (schaut Magda an, die immer noch an ihrem Zopf knabbert, nimmt sich einen Apfel aus der Schale)Wenn mir Jemand früher „Gullivers Reisen“ vorlesen wollte, rannte ich entsetzt aus dem Zimmer. (schaut sich im Raum um, beißt geistesabwesend in den Apfel, legt den Apfel beiseite, nimmt ihn wieder in die Hand)

Liana: Als Sie 15 Jahre alt waren…Herr Biberpelz, hören sie mir zu?…Da haben wir doch dieses entsetzliche Buch auf seine sozalkritischen…

Schatzi Biberpelz: Liana, bemühen sie sich nicht. Er ist wieder weg.

 

Hugo, den glasigen Blick auf das Fenster gerichtet, drückt mit den Nägeln halbmondförmige Muster in den Apfel.

Im Vorzimmer kracht es. Ein Klirren. Zwei gedämpfte Männerstimmen. Beide Lachen. Einer von denen: „Pssst! Ich sage dir, wenn es nur einmal die billige Karaffe treffen würde…Räum die Scherben weg!“

Die rechte Türseite geht schwungvoll auf, Lorenz Biberpelz kommt rein.

 

Lorenz Biberpelz:  Guten Abend, die Damen! Hugo, das könnte dich vielleicht interessieren…(Schatzi wirft ihm einen viel sagenden Blick zu) ach so, nun ja…

Magda: Könnte es auch mich interessieren, Papa? 

Lorenz Biberpelz: Was? Ja. Ich meine, was hast du gefragt, mein Kind? (dreht sich zu Schatzi ) Viktor kommt uns besuchen und bleibt eine Woche lang.

Schatzi: Ach, dieser furchtbare Mensch! 

Lorenz: Was redest du denn da?

Schatzi: Ein Schmutzfink! Und sein Gerede von den Schwalben und (macht eine Grimasse, die Viktor imitieren soll) „den lyrischen Eigenarten symbolischer Russen“.

Lorenz: …der eigenartigen Lyrik russischer Symbolisten.

Schatzi: Ist mir auch recht! Was hat er denn dieses Mal ausgedacht? Eine Erweiterung deines Ladens durch ein Theater? Hier, verehrter Herr, passend zu Ihrer neuen Krawatte Shakespeares erdrosselte Desdemona! Oder nein, warte! Ich weiß es! Er braucht Geld für etwas weltumfassend Wichtiges, kann es dir aber noch nicht verraten, weil die Idee erst reifen muss?

Lorenz: Er möchte uns eine besondere Freundin vorstellen.

Schatzi (mit sanfterer Stimme): Interessant. Wer könnte das sein?

Lorenz: Er machte bezüglich der Dame gewisse Andeutungen, es wäre möglich, dass er es durchaus ernst meint…

Schatzi: Ach!…

Magda: Papa, weißt du, ob diese Dame goldene Rosenknospen im Haar hat?

Lorenz: Was? Ja. Was sagst du, mein Kind?

Hugo: Goldene Rosenknospen…(lauter) goldene Rosenknospen! 

Gebroch’ne Knospen, holde Blumenleichen,

Welkt ihr so früh in gold’nen Lenzestagen?

Um süßer Liebe Botschaft anzusagen,

Muß euer junges Roth so bald erbleichen?

 

(An dieser Stelle rezitiert Hugo eine Strophe aus dem Gedicht „Die Rosenknospen“ von Robert Hamerling. Was die Familie nicht weiß, ist die Tatsache, dass Robert Hamerling ein entfernter Vorfahre von einem gewissen Adolf Hitler ist. Zum Zeitpunkt des Geschehens war dieser Hitler, seit gerade mal xx Jahren auf der Welt und lag vermutlich mit entzündeten Ohren auf dem inzestiösen Schoß seiner armen Mutter, deshalb gönnen wir doch einfach dem plötzlich erwachten Hugo seinen emotional aufgeladenen Auftritt und dem talentlosen Hamerling die Erwähnung seines Gedichtes!)

 

 

1.Akt, 2.Szene

 

 

Am nächsten Morgen. Kinderzimmer. Magda sitzt auf einer Truhe am Fenster und kämmt die Gardinenquaste. Die Gouvernante, halbliegend auf einem Canapé, liest einen Roman.

 

Magda: Ich frage mich, ob du heute einen Brief von deinem Geliebten bekommen wirst, Lani.

Liana: Ach Unsinn, vor drei Tagen habe ich meinen Brief an ihn abgeschickt. Er kann doch nicht antworten, bevor er meinen Brief gelesen hat.

Magda: Glaubst du, dass er sofort antwortet, wenn er deinen Brief gelesen hat?

Liana: hm.

Magda: Ja?

Liana: hm.

Magda: Worum geht es in deinem Buch?

Liana: (liest weiter, ohne zu antworten)

 

(Draußen vor dem Fenster spielt der 7-jährige Erich mit einem Welpen)

 

Magda: Ah, nun hat er doch seinen Welpen bekommen! Lani, darf ich endlich raus?

Liana (ohne aufzublicken): Wir sind noch nicht fertig mit dem Alphabet.

Magda: Aber wir lernen doch sowieso nicht!

Liana: Wäre es dir lieber, wir würden lernen? Nach dem Alphabet, spielst du eine halbe Stunde Klavier.

Magda: Oh nein, bitte! Warum muss ich heute Klavier spielen?

Liana: Deine Frau Mama wundert sich schon, warum es um diese Uhrzeit so leise ist. Sie kann nicht in ihrem Sessel schlummern, wenn es so leise ist, und wenn deine Frau Mama nicht in ihrem Sessel schlummert, wird sie sich vielleicht langweilen und kommt auf die Idee, unserem Unterricht beizuwohnen.

Magda (verängstigt): oh nein.

Liana: Außerdem wäre es doch entzückend, wenn du den Gästen Etwas vorspielen könntest.

Magda: Ah! Die Gäste! Glaubst du diese Dame trägt himmelblaue Zauberpantoffeln?

 

 

2.Akt, 1.Szene

 

 

Mittagszeit. Terrasse der Familie Biberpelz. Am großen, gedeckten Tisch sitzen Lorenz Biberpelz, Schatzi Biberpelz, Magda, Viktor Blank, die Dame und die Gouvernante. Hugo und Erich kauern an einem Flechtkorb mit Welpen, Hugo trinkt Wein.

 

Schatzi (zu der Dame): Herr Blank überraschte uns letztes Jahr mit einer geradezu faszinierenden Idee. Stellen sie sich vor, er wollte mit seinen Künstlerfreunden nach Kimeria zu diesem Voloshin reisen und…

Die Dame: Ach?

Schatzi: Kennen sie den Herren?

Die Dame: Ja, wir…

Schatzi: Es soll dort ein sehenswertes Kunst-und Kultursymposium geben, Sie wissen schon, ganz im Geiste der Zeit…

Die Dame: a…

Schatzi: Mit Literaten, Musikern, Malern, Schauspielern, sogar Opernsängern, und die Landschaft soll magisch sein. Es sei wohl ganz besonders inspirierend, dort…(Lorenz Biberpelz wirft ein Weinglas um)…wir werden Salz drauf streuen, dann gibt es keinen Fleck…Haben Sie schon mal eine Ausstellung von diesem…wie war nur sein Name?

Viktor Blank: Gustaf Berg.

Schatzi: Ja, vielen Dank! Es ist doch erstaunlich, wie…

 

Die Köchin stellt eine Terrine mit Suppe auf den Tisch, verteilt die Suppe auf die Teller. Alle sehen schweigend zu. Magda starrt die ganze Zeit auf Viktors Begleiterin.

 

Lorenz Biberpelz (zu Viktor): Wir werden nach dem Essen einen kleinen Spaziergang zum Strand machen, dann haben wir die Gelegenheit, alles zu besprechen.

 

Eine Weile wird schweigend gegessen.

 

Magda (zieht am Kleid ihrer Mutter und fragt leise aber so, dass es jeder hört): Mama, wie ist das möglich, dass diese Prinzessin Viktor heiraten möchte? Er ist viel zu alt und gar nicht schön.

 

Hugo fängt an zu lachen, verschüttet den Wein auf die Welpen, wirft sein Glas in den Garten und klatscht beherzt in die Hände.

 

Schatzi (verlegen, nervös lächelnd): Magda, geh mit Erich in den Garten! Los, los! Geht spielen!

Hugo: Es gibt im Übrigen nichts Hässlicheres als einen schönen Menschen, der sich seiner Schönheit wohl bewusst ist. Wir brauchen mehr Wein, ich hole den Schlüssel!

Schatzi: Nein, nein! Wir sind fertig. Die Herren wollen zum Strand. Liana, gehen Sie bitte mit Hugo nach oben…einige Tropfen aus dem grünen Fläschchen und eine Vitaminpille, er soll was lesen.

Die Dame: Bei diesem herrlichen Wetter könnten wir doch…

Schatzi: Das Wetter soll so bleiben. Solange die Herren ihre Geheimnisse austauschen, können wir uns besser kennen lernen, nicht wahr? Kommen Sie, den Salon haben Sie doch noch gar nicht gesehen.

 

Schatzi hackt sich bei der Dame ein, diese wirft Viktor einen Hilfe suchenden Blick zu. Beide gehen ins Haus.

 

 

2. Akt, 2. Szene

 

 

Später Nachmittag. Garten der Familie Biberpelz. Die Hintertür des Hauses geht auf. Magda kommt raus, sieht sich ständig um. In den Händen hält sie eine Reise-Schattulle und losen Perlenschmuck. Sie geht auf einen Johannisbeerbusch zu und verschwindet dahinter. Hin und wieder taucht abwechselnd Erichs und Magdas Kopf über dem Busch auf. 

Am anderen Ende der Bühne befinden sich die offenen Salonfenster. Eine weiße Gardine wölbt sich nach außen. Man hört ein Gespräch zwischen Schatzi Biberpelz und der Dame. Die Gouvernante kommt durch den Hintereingang in den Garten, stellt sich unter ein offenes Fenster und lauscht.

 

Schatzi: Wo, sagten Sie, haben Sie und Viktor sich kennen gelernt? 

Die Dame (etwas verlegen): In einem Sanatorium…um genauer zu sein auf einem Ball. Er wurde in einem der Säle des Sanatoriums gegeben.

Schatzi: Ach tatsächlich? Sanatorium? Ja, mir ist sofort aufgefallen, wie blass Sie sind. Leiden in Ihrer Familie viele daran?

Die Dame: Aber nein, ich war nicht krank. Ich besuchte meine Tante, die damals in dem Kurort wohnte, sie dachte, es sei langweilig für mich, ständig in Ihrer Gesellschaft zu sein und suchte nach allerlei Amüsements. So erfuhren wir von dem Ball und Viktor hatte zu der Zeit…

Schatzi: …er hatte die Erholung dringend nötig. Ja, er kam gerade von den x-nischen Inseln zurück. Sein Anblick war nur schwer zu ertragen. Mit all den Biss- und Kratzwunden und den anderen Dingen, von denen man in anständigen Häusern lieber nicht spricht…Sie verstehen schon.

Die Dame: Oh…

Schatzi: Ja. So ist Viktor, immer auf der Suche nach erschütternden Erfahrungen. 

Die Dame: Als wir uns kennen lernten, war er so…

Schatzi: Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Ein Mann wie er, merkt, wann es besser ist, den feinen Herren zu geben.

Die Dame: Ich fürchte, Sie irren sich. Er war ganz er selbst.

Schatzi: Ich fürchte, Sie irren sich nicht minder, meine Liebe. Sein so genanntes Selbst ist uns allen und ihm auch ein Rätsel, denn es besteht aus vielen Persönlichkeiten gleichzeitig! Er allein ist seine eigene Theatertruppe und das Profil reicht von römischen Kaisern, über traurige Helden, bis hin zum Lausebengel und Narren. Wenn Sie mich fragen, kommen die beiden letzten seinem Selbst am nächsten.

 

Hugo kommt mit einer Flasche Wein aus dem Haus und stellt sich neben Liana. 

 

Die Dame: Sie kennen Viktors Eigenarten und ich möchte an ihren Worten nicht zweifeln, aber in den wunderbaren Wochen, die wir zusammen verbracht haben, durfte ich seine sanfte und fürsorgliche Seite entdecken und ich bin mir sicher, dass dies sein wahres Gesicht ist. Er hat…

Schatzi: Sie sind noch sehr jung, meine Liebe.

Die Dame: Er hat…

Schatzi: Ich möchte ihre romantische Vorstellung von diesem Mann keineswegs zerstören, Sie sollten nur nicht zu viel hoffen.

Die Dame: Wissen Sie, er hat…

Schatzi: Die Romantik ist Etwas für das Poesiealbum. Wenn eine junge, romantische Frau plötzlich den unangenehmen Seiten des Lebens gegenüber steht…

Die Dame: Er hat mich gebeten, seine Frau zu werden!

 

Etwas Gläsernes fällt auf den Boden und zerbricht mit einem lauten Klirren. 

Hugo rümpft die Nase.

 

Hugo (zu Liana): Nun sieh sie dir an! Die Mutterfigur unserer Zeit. (Er gibt Liana einen Kuss auf die Wange und verschwindet im Haus.

 

 

2. Akt, 3.Szene

 

 

Später Abend. Die Kneipe „Zu X-ners Kholm“ . An einem runden Tisch sitzen Lorenz Biberpelz und Viktor Blank. Beide sichtlich betrunken. Die Kneipe ist leer, hin und wieder kommt ein Kellner und wischt über den Tisch.

 

 

Viktor: Bist du sicher?

Lorenz: Ja, das bin ich.

Viktor: Wirst du anders darüber denken, wenn du morgen aufwachst?

Lorenz: Das, mein Freund, frag mich morgen!

Viktor: Wenn du dich erst entschieden hast, kannst du es nicht mehr rückgängig machen. Ich habe nun auch gewisse Verpflichtungen. Ich kann kein Risiko eingehen, wenn ich mir deiner Loyalität nicht sicher bin.

Lorenz: Was redest du da? Es ist eine beschlossene Sache! Du übernimmst den Laden, heiratest…wie war ihr Name…heiratest das Geschöpf und sorgst als mein bester Freund für meine Familie. Bemühe dich, das Geschäft zu halten, wenigstens bis ich in Kimeria Fuß gefasst habe.

Viktor: Vertrau mir doch!

Lorenz: Das tue ich schon! Wem würde ich denn sonst vertrauen in dieser delikaten Angelegenheit.

Viktor: Was wird nur aus deiner Frau?

Lorenz: Sie wird kaum merken, dass sich Etwas geändert hat. 

Viktor: Wirst du deine Familie hin und wieder besuchen?

Lorenz: Nein! Wenn ich gehe, dann für immer. Zweimal im Jahr wird mein Freund Kudrin in meinem Namen einen Brief verfassen, in dem steht, dass ich meinen Aufenthalt verlängern muss. Sie werden von mir alle drei Monate, je nach dem, wie das neue Geschäft läuft, finanzielle Zuwendungen erhalten. 

Viktor: Die Kinder werden dich vermissen.

Lorenz: Mach es mir nicht so schwer. Für sie ist es besser, keinen Vater zu haben, als einen, der sich mit jedem Jahr immer weiter von ihnen entfernt. Ich hätte nie eine Familie gründen sollen. Manche Menschen sind dafür nicht geeignet.

Viktor: Ich hoffe, es wird dir dort besser gehen. 

Lorenz: Alles ist besser als die ständige Anwesenheit meiner Frau. Ihr nimmer müdes Mundwerk, ihre Teeabende…all diese Menschen, die sie in unser Haus bringt, mit ihrem vorgetäuschten Interesse für den…wie nennen sie das?…den Geist der Epoche…so ein Unsinn.

Viktor: Glaubst du nicht, dass du mit ihr darüber sprechen kannst?

Lorenz: Ich ersticke, Viktor! Ich will meinem eigenen, langsamen Tod nicht tatenlos zusehen. Es ist nicht nur meine Frau, es ist das ganze Leben, das wir uns hier aufgebaut haben, mühsam und in langjähriger Arbeit. Es bringt mich um. Das kann man nur durch einen drastischen Schritt ändern und den werde ich wagen.

Viktor: Willst du es ihr gleich morgen früh erzählen? 

Lorenz: Je früher desto besser…(senkt nachdenklich den Kopf)…ein wenig fürchte ich mich schon. Es wird nicht leicht. Diese Frau kann manchmal wie eine Schlange sein, die jeden, der vor ihr steht, in eine zitternde, sprachlose Kreatur verwandelt. Wie oft ich schon nachgegeben habe, gegen meinen Willen…was glaubst du, warum ich überhaupt verheiratet bin. Ich muss Länder zwischen uns bringen.

 

Viktor bestellt noch zwei Gläser Bier.

 

2. Akt, 4. Szene

 

Am nächsten Morgen. Schatzi Biberpelz und Liana treffen sich zufällig vor der Tür zum Gästezimmer. Schatzi trägt ein Tablett mit einer dampfenden Schale und einigen Medikamenten darauf.

 

Liana: Soll ich mich darum kümmern Frau Biberpelz?

Schatzi: Ich mache es schon. Gehen Sie nur zu Magda, sie soll heute etwas länger üben. Wann kommt Hugo zurück aus der Stadt?

Liana: Nicht vor drei Uhr. Er und der Chauffeur wollten…

Schatzi: Schläft Herr Biberpelz noch?

Liana: Oh ja, die beiden Herren waren in einem unmöglichen Zustand als sie nach Hause kamen, Beinah wären sie in der Küche auf dem Fußboden eingeschlafen. Ich glaube Herr Blank hat sogar schon geschlafen, er hatte eine gebackene Kartoffel in der Hand.

Schatzi: Liana, bitte, versuchen etwas weniger Begeisterung für Ereignisse dieser Art aufzubringen.

 

Die Gouvernante geht ab. Schatzi öffnet die Tür zum Gästezimmer.

Das Gästezimmer von innen. Viktor ist wach, sitzt nackt auf dem Bett und stützt mit den Händen seinen Kopf.

 

Schatzi: Ich bringe dir etwas Hühnersuppe. (stellt das Tablett auf eine Kommode, setzt sich neben Viktor auf das Bett)

Viktor: Du ahnst ja nicht, wie gut das Schicksal es mit uns meint. (ist sichtlich erfreut)

Schatzi: Erzähl schon, worum ging es gestern! (mit einem sarkastischen Unterton) Hast du ihm irgendeine deiner genialen Ideen aufgezwungen? Warum wart ihr die ganze Nacht weg? Ist dir klar, dass wir Zeit verlieren?

Viktor: Darüber musst du dir nie wieder Sorgen machen. Wir werden schon bald sehr viel Zeit miteinander verbringen. (küsst ihren Hals) Ich brauche was von deinen Pillen, der Kopf bricht mir entzwei! 

(steht auf und geht nackt zur Kommode, Schatzi steht ebenfalls auf und umarmt ihn von hinten, den Kopf an seinen Rücken geschmiegt)

 

In dieser Pose werden sie von Lorenz Biberpelz überrascht, der mit einer gewohnt schwungvollen Geste die Tür aufreißt.

 

3. Akt, 1. Szene

 

Später Nachmittag. Das Arbeitszimmer von Lorenz Biberpelz. Lorenz sitzt am Schreibtisch, seine Frau auf einem Hocker neben dem Kamin. 

 

Schatzi (schluchzend): Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll.

Lorenz (betont streng): Es wurde bereits alles gesagt. Du weißt, ich bin kein Tyrann und auch kein von Trieben gesteuerter Urmensch. Wir wollen kein Drama daraus machen. Die Kinder sollen nichts davon erfahren. 

Schatzi (schluchzt immer lauter): Das alles ist so schrecklich!

Lorenz: Hör bitte auf! Dein Geheule wird noch die ganze Nachbarschaft auf den Kopf stellen! Denkst du ich werde dich ohne Geld und ohne deine Kinder auf die Straße jagen?

 

Schatzi hört auf zu schluchzen und horcht auf

 

Lorenz: Meine geschäftliche Reputation verdanke ich den drei Generationen der Biberpelz-Männer. Auch wenn es mein innigstes Bedürfnis wäre, deinen Kopf gegen diesen Schreibtisch hier zu schlagen, hätte ich nie meine Pflicht vergessen. Meine Pflicht diesem Namen gegenüber. Du bleibst hier mit den Kindern. Ich werde nach Kimeria gehen. Wir werden uns nie wieder sehen. Das muss dir klar sein…und Viktor…dieser…ich bin großzügig genug, um unserer langjährigen Freundschaft einen letzten Dienst zu erweisen. Er wird das Geschäft übernehmen. Von nun an bist du sein Problem. Geh mir aus den Augen!

 

Schatzi geht, leise schluchzend, aber erleichtert aus dem Zimmer. Lorenz zündet sich eine Zigarre an. Das Fenster in seinem Rücken verdunkelt sich. In der Dämmerung sieht man ihn lächeln.

 

3. Akt, 2. Szene

 

Einige Tage später. Abend. Hugo und der Chauffeur Mlin sitzen im Auto der Familie Biberpelz, trinken Wein und rauchen. 

 

Mlin (mit einem osteuropäischen Akzent): Wenn der Doktor nun mit deinen Eltern spricht?

Hugo: Na und wenn schon! Meine Darbietungen sind überzeugend. Den Doktor bringe ich auch noch dazu.

Mlin (lacht): Ist das nicht zu viel Arbeit? Ständig den Verrückten zu spielen?

Hugo: Oh nein, es ist höchst amüsant! Du würdest es sofort verstehen, wenn du in diese besorgten Gesichter blicken könntest…sie haben meine Krankheit selbst erfunden ich habe nur mitgespielt. Angesichts wahrer Katastrophen erstarren sie zu Eis, während ein imaginäres Problem liebevoll kultiviert wird.

 

Magda nähert sich dem Auto, mit einem Welpen im Arm. Sie klopft an die Schiebe. Hugo öffnet die Tür.

 

Magda (im Ton ihrer Mutter): Was ist hier eigentlich los? Hugo, ist das wahr, dass du wieder im Weinkeller warst? Und ihr trinkt auch noch beide!?

Hugo: Geh wieder rein! Dein Hündchen friert.

Magda: Sag mir lieber nicht, was ich tun soll, sonst erzähle ich alles Mama. Dann ist Schluss mit eurem gemütlichen Beisammensitzen.

Hugo: Ach ja? Dann pass mal auf! Ich weiß, dass du das Alphabet immer noch nicht aufsagen kannst, weil Lani mit dir schon seit Wochen nicht geübt hat.

Magda: Aber…

Hugo: Und weißt du, was ich unter dem Johannisbeerbusch gefunden habe? Jemand hat dort eine Menge Perlen vergraben. Sind das nicht zufällig die Selben, die die Dame vor einigen Tagen verzweifelt gesucht hat. Soweit ich mich erinnere, hast du ihr sehr rührend deine Hilfe bei der Suche angeboten.

 

Magda steht eine Weile schweigend da, streichelt dann Hugos Wange.

 

Magda (mit einer plötzlich sanften Stimme): Mein armer Hugo, du hast wieder einen Anfall, nicht wahr? Du kannst nichts dafür, dass es dich immer in den Weinkeller zieht.

 

Hugo setzt seinen glasigen Blick auf und lässt den Unterkiefer hängen. Magda hält ihren Welpen an Hugos Gesicht und macht ein Kuss-Geräusch. Dann geht sie zurück zur Terrasse, wo Schatzi Biberpelz und Liana den Tisch zum Abendtee decken.

 

 

Vorhang.

 

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