Effi Mora

«Woman Is the Nigger of the World»

18.12.2015

Scheint wirklich kein Zufall zu sein, dass ich mich so lange von meinem Kaiser-Wilhelm-Bart nicht trennen wollte, der mir mitten im Gesicht wuchs. Es ist offiziell — ich bin ein Mann und dazu auch noch ein Arschloch. Wir haben hier hitzige Diskussionen am Küchentisch, und fast immer geht es um dieses vermaledeite Mann-Frau-Zeugs. Nun wurde wieder einmal ein durch und durch gutes, fabelhaftes, in jeder Hinsicht fantastisches Mädchen von einem unzumutbar gemeinen Fiesling verlassen, der sicherlich nur darauf gewartet hat, bis sie in Weihnachtsstimmung kommt, um ihr richtig dolle weh zu tun. Was für ein Monster. Dazu werden noch andere, an Grausamkeit nicht zu übertreffenden, Beispiele ausgepackt, die die These belegen sollen, dass es wohl dem männlichen Naturell entspricht, sich so skrupellos und egoistisch aufzuführen. Hm…ich weiß nicht, ich treffe in letzter Zeit eher die «Willst du meine neue Mami sein»-Typen, aber nun gut. Immer, wenn ich höre, wie die Männer angeblich sind, habe ich ein starkes Bedürfnis, mit meiner riesigen Faust auf den Tisch zu hauen und mein Negligee zu zerreissen, damit die haarige Brust zum Vorschein kommt, während ich sage: «Nee, wir Männer sind gar nicht so! Wir sind auch nur Menschen.». Interpretieren wir da mal nicht zu viel hinein, bei Hunden geht es mir ähnlich. Da spitz ich auch mal die Ohren und sage :»Stimmt nicht. Bei uns Hunden ist es ganz anders.». Jedenfalls ging ich auch dieses Mal nicht für Frauen auf die Barrikaden. Ich solidarisiere mich nicht automatisch, weil das nicht nur hochgradig sexistisch ist, sondern auch todsterbenslangweilig. Dieses frisch verlassene Mädchen ist wirklich ein Traum, ein pfirsichfarbener Weihnachtsengel, der allen nur Gutes will. Sie kann gut tanzen und kocht spielerisch aufwändige Gerichte, beherrscht drei Sprachen, mag Kinder und Tiere, ist hilfsbereit und höflich. Sie ist ideal, nur eben nicht für diesen Mann. Er hat sie nämlich wegen einer anderen Frau verlassen. Wegen einer ziemlich…grotesken, um nicht zu sagen einem Gemälde von Bosch entsprungenen, sich schabrackig artikulierenden, nicht gerade der frischesten Rose im Blumenbeet, mit zwei Kindern und Suchtproblemen in der Anamnese. «Wie ist so was möglich?» — seufzt meine Gesprächspartnerin, mit den Augen rollend und mit den Händen fuchtelnd — «Warum macht er so was?». Weil er’s kann. Er ist so frei. Offenbar hat er in diesem laufenden Klischee von einer Frau etwas gesehen, was er in der vermeintlich perfekten Frau eben nicht gesehen hat, und die Vorstellung, Weihnachten und Silvester mit einem Menschen zu verbringen, dem man gezwungen ist, was vorzumachen, der einen sogar nervt, obwohl er alles dafür tut, um bloß niemanden zu nerven, schien ihm unerträglich genug, um sich ausgerechnet jetzt zu trennen. Ja, der denkbar ungünstigste Zeitpunkt im Jahr. Kurz vor ihrem Geburtstag wäre es auch nicht schön gewesen. Ich finde ja, dass solche Dinge keineswegs geschlechtsspezifisch sind. Schließlich gibt es durchaus die eine oder andere Frau, die mit sich selbst in Kontakt ist und es nicht vom Zufall oder den äußeren Bedingungen abhängig macht, was sie an anderen Menschen attraktiv findet. Es geht nicht um männlich oder weiblich, sondern darum, dass man nicht aus Not und Einsamkeit Beziehungen eingeht, sondern ganz bewusst, weil man jemanden aufregend findet. Aber Männer reden einfach nicht so viel über ihr weiches Inneres, deshalb bekommt man den Eindruck, es träfe immer nur Frauen. Weil Frauen nämlich reden, oh ja. Und wie sie reden! Das ist auch so ein Thema. Ladies, habt ihr euch mal selbst zugehört, was ihr da alles auf eure Mitmenschen schüttet? Erst vorgestern verbrannte ich mich an meiner Tom Yam Suppe, weil die junge Dame am Nachbartisch eine phantasmogorische Lawine verbalen Dünnpfiffs auf ihren Begleiter schoss und, je weiter er mit seinem Stuhl nach hinten rutschte, desto lauter wurde sie, denn es waren verdammt wichtige Dinge, die sie mitzuteilen hatte: «…und ich sagte zu ihr, ich kann doch aber nicht am Donnertag bis um acht, weil ich doch schon am Dienstag bis um vier hatte, und da dreht sie sich einfach um und geht in den Pausenraum und raucht erstmal eine, und als sie dann zurück kam, da hab ich das natürlich noch mal angesprochen, weil das geht doch nicht, oder? Nee, das geht nicht. Ich lass mich doch nicht so verarschen. Wenn ich doch am Dienstag schon bis um vier hatte, dann kann ich doch nicht am Donnerstag auch noch bis um acht, oder? Wie siehst du das? Also, ich bin seit drei Jahren in dem Laden und ich weiss einfach, wie es läuft und da muss sie mir nicht erklären, wie das läuft, weil…warte, ich brauch ne Serviette…die hätten ruhig ein Paar Serviettenspender mehr hin stellen können, hier ist ganz schön was los. So kurz vor Weihnachten gehen viele essen, weil die Eltern zu Besucht kommen. Mit den Eltern geht man dann irgendwo essen. Feierst du bei deinen Eltern? Also ich weiss nicht, meine Eltern sind ja ganz ok. Wir verstehen uns gut, aber dieser Stress jedes Jahr…ach so, wo war ich? Na jedenfalls kann ich am Donnerstag nicht bis um acht, weil ich ja schon am Dienstag bis um vier hatte.». Eine aufregende Frau, nicht wahr? Leider bei weitem kein Einzelfall. Man könnte meinen, ihr Begleiter war ihr einfach dermaßen egal, dass sie sich keine Gedanken um sein Wohlbefinden gemacht hat, aber da ihr orgiastisch-paarungswilliges Lachen immer an den unpassendsten Stellen kam, war sie wohl doch ziemlich interessiert. Was also, bitte schön, zur Hölle, soll das? Man braucht schon zumindest irgendwelche Hobbys, sonst wird das nichts mit der Konversation. Aber vor allem sollte man, wenn man denn langfristige Beziehungen führen möchte, sich eine Fähigkeit wachsen lassen, mit der man leider nicht geboren wird — den Wunsch, andere Menschen wirklich kennen zu lernen. Nein, nicht einfach jemanden treffen, sich ganz schnell ein kompaktes, gemütliches, ins eigene System passendes Bildchen von ihm machen, von dem man nie wieder abweicht und dann total empört und überrascht sein, wenn raus kommt, dass dieser Mensch irgendwie ganz anders ist. Wirklich kennen lernen. Hin und wieder im Gespräch darauf achten, ob der Gegenüber überhaupt zuhört, ob man ihm nicht zu nahe kommt oder ob der in den letzten vierzig Minuten auch mal was sagen durfte. Sich selbst beobachten, wie würde man sich selbst finden? Nur wenn man an dem Anderen wirklich interessiert ist, kann man raus finden, was er braucht und nur, wenn man sich selbst gut kennt und realistisch einschätzt, kann man bestimmen, ob es passt oder nicht. Der scheinbar perfekteste Mensch, wie diese frisch verlassene Bekannte, wird immer nur geben und geben und es wird einfach nicht das Richtige sein. Der Mensch, der mit all diesen Gaben Jahr für Jahr überfüttert wird, kann davon richtig krank werden. Sein emotionaler Metabolismus verträgt keine Hingabe und Gefügigkeit. Der Mann hat offenbar Herausforderungen gebraucht, um seinen Kreislauf stabil zu halten. Dafür kann keiner was und deshalb ist es totaler Quatsch, den bösen bösen Typen zu verteufeln und die Frau als Opfer hinzustellen. Sie hat sich ja auch keine Mühe gemacht, ihn kennen zu lernen, auf Zeichen, Worte oder Neigungen zu achten, sonst hätte sie es selbst erkannt, und zwar rechtzeitig. Er darf so sein, wie er ist und sie darf so sein, wie sie ist. Es ist weder gut noch schlecht, es ist, wie es ist. Aber manchmal passt es einfach nicht. Und das kann man eben raus finden, wenn man aus seinem eigenen Empfinden raus tritt und sich den anderen genauer anschaut. Beide Frauen, die ich beschrieben habe, waren 100%-ig mit sich beschäftigt. Die erste köchelte ein bisschen auf Sparflamme in ihrer illusorischen Traumsuppe und die zweite war wie eine blinkende, animierte Leinwand, die einen Film zeigt und keinen Gesprächspartner, sondern einen Zuschauer benötigt. Dabei spielt es gar keine Rolle, dass es sich in beiden Fällen um Frauen handelt. Die meisten Menschen, die ich kenne, sind komplett in sich selbst drin und zu wenig in den Anderen. Und wir wollen aber alle ernst genommen werden. Ganz einfach.

«Och, du bist ja wie dein Vater.» — sagt sie. Na, meinetwegen. Ich wurde schon mal ganz anders betitelt. Das geht in Ordnung.

Peace und Frohe Weihnachten.

p.s. für die besonders Korrekten unter uns, die sich an der Überschrift gestört haben klick :)

Comments
Add your comment

Replay

Your email address will not be published

Thank you! Your submission has been received!

Oops! Something went wrong while submitting the form

Blog tags:

AchtsamkeitAgnes&OlgaAus dem Tagebuch von Benedikt-Zachary Maria von Chuchleder lange Weg nach HauseFräulein PrimelFreundschaftgagajeden Monatkopfloses InterpretierenKUNST (das ist mir zu 'art)LiebelifeLiteraturMäääähMonsieur HundMyDresdenNewspersönliche Grenzenpostdramatische AltlastenstörungTierweltTraumaWunderlandzwischen den Welten View all tags